Bürgermeister Leopold Hirsch Guggenheim

Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zählte Gailingen 1.841 Einwohner, und zwar 989 Christen, fast ausschließlich Katholiken und 852 lsraeliten. Es war die Blüte- zeit des christlich-jüdischen Gemeindelebens in Gailingen. Durch die badischen Emanzipationsgesetze besaßen die Juden erst seit wenigen Jahren die vollen Bürger- rechte, durch welche erstmals die Möglichkeit für ein gleichberechtigtes Zusammenleben mit den Christen gegeben wurde.

Damals begann mit der Bürgermeisterwahl vom 15. Oktocer 1870 in Gailingen wohl eine für das Landjudentum in Deutschland einmalige Ära. Diese Bürgermeisterwahl endete mit einer Sensation, denn auf den jüdischen Kandidaten, den Kaufmann Leopold Hirsch Guggenheim, entfielen von 304 abgegebenen Stimmen 206, somit 67%. Der bisherige katholische Bürgermeister Mathias Auer erhielt nur 55 Stimmen, und die restlichen Stimmen verteilten sich auf andere Kandidaten. Wenn auch der Anteil jüdischer Wähler groß war, hatten doch viele Christen dem jüdischen Kandidaten ihre Stimme gegeben.

Leopold Hirsch Guggenheim wurde am 25. Februar 1818 als Sohn der Eheleute Hirsch Guggenheim und Sarah geb. Guggenheim in Gailingen geboren. Ausgestattet mit dem Vertrauensbonus aus der Wahl versah Guggenheim sein Amt mit großer Um- sicht und verstand es vorzüglich, den besonderen Gailinger Verhältnissen Rechnung zu tragen. Er stand auch bei der christlichen Einwohnerschaft in großem Ansehen und das kam nicht von ungefähr.

Als während des badischen Kulturkampfs im Jahr 1878 der Freiburger Bischof Lothar von Kübel in Gailingen die Firmung spendete, begrüßte ihn Bürgermeister Guggenheim am Eingang des Ortes, angetan mit der Amtskette, indem er eine herzliche Ansprache hielt und den hohen Gast in die Kirche geleitete. Dieser war ob dieser Ehrung vonseiten eines lsraeliten hocherfreut und mit ihm sämtliche Katholiken.

Als Bürgermeister Guggenheim höheren Orts hierüber zur Rede gestellt wurde, soll er geantwortet haben: „lch bin Bürgermeister von Gailingen, also auch für meine katholischen Mitbürger; ich weiß, was sich gehört.“

Am 4. Januar 1877 war Guggenheim mit 188 Stimmen in seinem Amt bestätigt worden. Auf den christlichen Gegenkandidaten, Gemeinderechner Otto Hirth, entfielen 129 Stimmen. Vom Konstanzer Bezirksamtsvorstand erhielt Bürgermeister Guggenheim anlässlich einer Ortsbereisung nur Lob und Anerkennung. Nach seiner dritten Wahl zum Bürgermeister im Jahr 1883 fand im Oktober 1884, wenige Wochen vor seinem Tode, nochmals eine Ortsbereisung durch den Bezirksamtsvorstand statt. Dieser ließ ins Protokoll schreiben: „Übrigens steht Bürgermeister Guggenheim auch bei der christlichen Einwohnerschaft in großem Ansehen und hat ihm sicherlich auch mancher Nichtisraelite seine Stimme gegeben. Seine Wiederwahl liegt durchaus im Interesse der Gemeinde, denn er hat während zweier Dienstperioden das Amt eines Gemeindevorstandes mit Umsicht, Unparteilichkeit und Verständnis verwaltet.“

In die Amtszeit Guggenheims fiel die Vereinigung der israelitischen und der katholischen Volksschulen zu einem Schulverband im Jahre 1877. Von diesem Zeitpunkt an gab es in Gailingen bis zur Auslöschung der jüdischen Gemeinde durch die Nazis nur noch eine einzige, und zwar die simultane Volksschule mit zwei Schulhäusern.

Bürgermeister Leopold Guggenheim verstarb 66-jährig während seiner dritten Amtsperiode am 27. November 1884 in Gailingen und ruht auf dem großen jüdischen Friedhof seiner Heimatgemeinde.

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