Ein verdienter Mitbürger aus Worblingen

Das zum Ritterkanton Hegau gehörende Dorf war seit 1608 im Besitz der Herren von Danketschweil. Sie gewährten bereits 1611 Juden das Niederlassungsrecht. Nach dem 30-jährigen Krieg werden 1666 drei jüdische Familien genannt. Zu einem größeren Zuzug von Juden kam es in Worblingen während der Herrschaft der Herren von Liebenfels, galt es doch die durch den 30-jährigen Krieg entstandenen Lücken wieder zu füllen. Auch mussten die Juden ein jährliches Schutzgeld entrichten, die damit die herrschaftlichen Kassen füllte. 

Die Juden durften keine Handwerksberufe ausüben und ihre Tätigkeit war auf den Handel, teils mit Bauchladen, Hausier- und Viehhandel beschränkt. 
Seit 1775 gab es einen Betsaal im Haus im Haus des Lämmle Guggenheim. 1810 kaufte die jüdische Gemeinde dieses Haus in der heutigen Riedernstrasse gelegene Anwesen und richtete dort eine Synagoge ein. 1857 gab es mit 139 Personen die höchste Anzahl von Juden in Worblingen. Sie hatten auch mehrere Lehrer. Der Großherzog von Baden verlieh dem Lehrer Brandeis die Kleine Goldene Verdienstmedaille (siehe Gemeindearchiv Akte 262, Blatt 9). 
Nach 1860 begann der Niedergang der Gemeinde infolge der Emanzipationsgesetze des Großherzogtums Baden. So zogen viele Juden nach Konstanz, Mannheim, Freiburg, Karlsruhe und in andere größere Orte, auch um ihre Kinder bessere Ausbildungsmöglichkeiten zu geben. 
Zwischen 1871 und 1883 konnten die sehr erfolgreichen Pferde- und Viehhändler Salomon, Jakob und Abraham Levi Ländereien in Riedheim (siehe Akten im Gemeindearchiv Hilzingen) erwerben, die später aber wieder veräußert wurden.

Eine bedeutende Persönlichkeit der Worblinger Judengemeinde war Moses Baruch Rothschild, geboren am 9.7.1811 – gestorben am 29.8.1895. Er war der letzte Vorsteher der Gemeinde. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Jüdischen Friedhof in Worblingen (Grab Nr. 50). Rothschild hatte 10 Kinder.

Sein zweifellos erfolgreichster Sohn war Emanuel Rothschild, geboren am 28.9.1849. Er nahm am Krieg 1870/71 gegen Frankreich als Kriegfreiwilliger teil und erhielt 5 Orden-Ehrenzeichen. Sein Name ist auf einer Gedenktafel am Worblinger Rathaus (heute Dorfmuseum) eingemeißelt.

1880 zog Emanuel Rothschild nach Konstanz und gründete dort die erste Zigarrenfabrik im Kreise Konstanz. Dieses Unternehmen war sehr erfolgreich, so dass nach kurzer Zeit noch eine Filiale in Engen dazu kam. Er war Synagogenrat in Konstanz und wurde 1899 zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Bereits nach 5 Jahren erhielt er als erster Jude in der Stadt Konstanz einen Sitz als Stadtrat im Rathaus. In diesem Gremium hat er mit Rat und Tat, sowie viel Geschick und Hingabe mitgearbeitet.

Im Synagogenrat hat er maßgeblich zum Bau der Konstanzer Synagoge beigetragen. Als ehemaliger Soldat des 114. Regiments förderte er den Krieger- und Militärverein und war auch in mehreren anderen Vereinen tätig.

Er war verheiratet mit Klara Meyer aus Bremgarten, die ihn noch 14 Jahre überlebte. Sein einziger Sohn Leo ergriff einen akademischen Beruf als Rechtsanwalt und Emanuel Rothschild verkaufte seine Zigarrenfabrik an Wilhelm Apfel und Leonhard Bernheim, die den Betrieb nach einem Brand ins Paradies verlegten, wo sie bis zur Nazizeit bestand.

Leo Rothschild war begeisterter Alpinist. Er stürzte beim Klettern in einem Kamin am Säntis ab. Dort lag er zwei Tage schwer verletzt. Trotzdem meldete er sich 1914 beim 114er Regiment als Kriegsfreiwilliger und kam Ende des Jahres an die Front. Bei den Kämpfen um Peronne wurde er 1916 von den Engländern gefangen. Nach dem 1.Weltkrieg lebte er – verheiratet mit Sali Amalie Moos in der Gottlieberstraße in Konstanz. 1938 emigrierte er in die USA.

Beim Tode von Emanuel Rothschild am 6. April 1912 erwies ihm der Kriegerverein die letzte militärische Ehre, ein Beweis wie beliebt, angesehen und anerkannt er war. Mit ihm verlor nicht nur die Stadt Konstanz einen bedeutenden Mitbürger, sondern die ehemalige jüdische Gemeinde von Worblingen ihren herausragenden Sohn.

(Der Verfasser dankt den Herren Detlef Girres, Daniel Groß und Mathias Paschke für ihre wertvollen Hinweise.)

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