Oberheimbach

Jüdisches Leben im Heimbachtal

Dass Oberheimbach, im Kreis Mainz-Bingen gelegen, einen eigenen jüdischen Friedhof besitzt, der nach früheren Zeugnissen schon vor 1750 angelegt worden sein müsste, deutet auf ein reges religiöses und weltliches Leben der jüdischen Bewohner hin. Sicherlich hatten sich die Judensiedlungen in der Umgebung, d.h. Bacharach, Steeg, Niederheimbach und Oberheimbach zu einer Gemeinde zusammengetan, wie es für die 1920er Jahre belegt ist. Das Dorf-Familienbuch gibt Auskunft darüber, dass hier schon im frühen 18. Jahrhundert Juden gelebt und gearbeitet haben. So hat der Viehhändler Moises Dreydel 1779 hier geheiratet. Der Matratzenmacher Abraham Wolff, geboren 1730, ist ein früher Angehöriger einer langen Reihe von Nachkommen seines Namens, die bis in das 20. Jahrhundert reicht. Und die Familien Baer, Eichberg, Grünebaum und Wohlgemuth sind im Ort über lange Zeiträume anzutreffen. Sie waren meist als Kaufleute tätig, aber auch als Winzer.

Vorhandene Statistiken der hier wohnenden Juden zeigen folgendes Bild:

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Der Rückgang ist wohl auf Gründe wie Tod oder Wegzug zurückzuführen. Zeitzeugen berichten, dass auch in der NS-Zeit die Dorfgemeinschaft sich tolerant gegenüber den jüdischen Mitbürgern verhalten hat. Auch hat der jüdische Friedhof anscheinend in dieser Zeit keine Beschädigungen oder gar Verwüstungen erlitten. (Dies geschah erst einmal in neuerer Zeit, als vermutlich Jugendliche Grabsteine umwarfen).

Nur ganz wenige Informationen über das Geschehen in der Gemeinde sind in den Archiven zu finden. So wurde 1852 von der Gemeindeverwaltung abgelehnt, Geldmittel aus dem Gemeindevermögen zur Restaurierung der Synagoge zur Verfügung zu stellen. Eine Beschwerde bei der Regierung war dann ebenfalls nicht erfolgreich. Die vermutlich schon im 19. Jahrhundert oder davor entstandene Synagoge  befand sich in einem Haus in der Judengasse, wo in den ersten Jahren des 20. Jh. ausser dem eigentlichen Kultraum eine Schlafgelegenheit für durchziehende Juden sowie eine “Handlung” eingerichtet war. Später war das Gebäude in schlechtem Zustand, wurde verkauft und dann abgerissen.


Der Friedhof oder der “Gute Ort”

Als der “Gute Ort” wird der Friedhof  im jüdischen Sprachgebrauch oft bezeichnet. Darin soll wohl auch zum Ausdruck kommen, dass auf dem Friedhof Familienmitglieder und Verwandte wieder vereint sind und so sogar eine Art Heimatgefühl entstehen kann – ein guter Ort.

Vermutlich haben sich die jüdischen Bewohner des ganzen Heimbachtales und möglicherweise auch anderer benachbarter Orte zusammengetan, als beschlossen wurde, einen eigenen Friedhof zu errichten. Aus älteren Quellen geht hervor, dass dies vor 1750 erfolgt sein muss, leider sind leserliche Grabinschriften mit Hinweisen auf diese Zeit nicht mehr vorhanden.

Der Friedhof liegt ausserhalb der Ortschaft, versteckt in einem Waldgebiet in der Flur Judensand und ist nur über einen steilen Fahrweg zu erreichen. Zuvor muss ein kleines Bachbett überschritten werden – früher mussten weibliche Teilnehmer an Trauerzügen hier halt machen.   

Der insgesamt gut erhaltene Friedhof ist von fast quadratischer Form, seine Grösse wird mit 2048 m2 angegeben. Umgeben ist er an 2 Seiten von einer brusthohen Mauer mit Eisentor, an den anderen Seiten begrenzen ihn normale Zäune. Laubwald hat das Gelände überwachsen, teilweise ragen kräftige Stämme aus den Gräbern. 
71 Gräber mit 69 Grabsteinen stehen fast ausschliesslich auf dem oberen Teil des Areals, die älteste Belegung ist nicht mehr festzustellen, die letzte Beerdigung fand 1944 statt.

Anordnung und Abstände lassen vermuten, dass früher mehr Grabstellen existiert haben müssen. Eventuell wurden auch Holztafeln verwendet, die inzwischen verschwunden sind. Konkrete Informationen liegen jedoch nicht vor.

Der Friedhof im Bild

Der “Gute Ort” in Oberheimbach vermittelt zu jeder Jahreszeit eine eindrucksvolle Atmosphäre, im Herbst von Laub bedeckt, im Frühling mit einem bunten Blütenteppich. Die Unberührtheit spricht eine eigene Sprache, der man sich nicht entziehen kann.

Die Gräber

Die Grabmale sind vielfach in Sandstein ausgeführt, andere auch in Marmor oder mit Marmorplatten verkleidet. Auch Granit wurde manchmal verwendet.

Eine beachtliche Vielfalt in der Gestaltung der Grabmale ist zu verzeichnen. Überwiegend ist der aufrechtstehende Stein vertreten,  senkrecht aber teilweise auch waagrecht aufgestellt, vereinzelt auch liegend. Meist ist die oben abgerundete Form zu sehen, daneben gibt es auch barockartig ausgeführte Oberpartien sowie glatt oder uneben abgeflachte Steine. Mitunter sind die Ränder kunstvoll mit Ranken oder anderen Mustern verziert. Obeliskformen, meist auf Sockel gestellt, sind ebenfalls vorhanden. Inschriften wurden teilweise eingemeisselt, aber auch in aufgesetzte Platten mit vergoldeten Schriftzeichen eingraviert. 
Viele Grabinschriften sind nicht mehr zu entziffern, zu stark ist der Sandstein verwittert. Es finden sich Texte nur in Deutsch und  solche nur in Hebräisch oder in beiden Sprachen.
Auch die typischen Symbole sind zu finden, die Kanne für Angehörige des Stammes Levi, der Davidstern, florale Elemente sowie einmal auch eine Art Eisernes Kreuz, evtl. ein Kriegsteilnehmer.

Die Herkunft der Verstorbenen verrät, dass auch Einwohner anderer Orte hier ihre letzte Ruhestätte fanden, so liest man Niederhofheim, Bacharach aber auch Mergentheim.

Die Grabsteine im Bild

Die Formen und Inschriften der vorhandenen Grabmäler zeigen verschiedene Ausprägungen. Sie unterscheiden sich in Material, Grösse, Zierat und Texten.

Alle Gräber wurden fotografiert und dokumentiert. Sie stehen jedermann gerne zur Verfügung.

Namen

Die Namen der Verstorbenen der 69 erhaltenen Grabsteine sind nur zum Teil noch einigermassen lesbar. Diese sollen hier aufgeführt werden. Andere könnten nach sorgfältiger Reinigung der Oberflächen entziffert werden, wieder andere sind entweder ganz verschwunden oder zumindest unleserlich geworden.

Lesbare Namen:

Emil FürnheimerMergentheim20.11.1834 bis 15.10.1911
Antoniette Wolff, geb. Kohlmann  
Albert Sommer 19.05.1896 bis 04.08.1914
Jakob Wohlgemuth 03.05.1822 bis 06.08.1914
Hermann WolffOberheimbach30.05.1838 bis 20.11.1915
Anita Wolff, geb. Schwab 07.10.1839 bis 29.01.1924
Julius Kohlmann 21.01.1879 bis 04.07.1916
Josef Kohlmann  
Amalie HalleBacharach07.04.1857 bis 19.02.1921
Amalie Kohlmann, geb. MayerBacharach03.09.1848 b. 21.02.1900(?)
Josef KohlmannBacharach17.12.1845 bis 28.06.1926
Bertha Wohlgemuth, geb. Marx  
Carl Wohlgemuth  
Carl Wolff 03.09.1843 bis 24.05.1902
Pauline WolffBacharach11.03.1842 bis 15.03.1927
Alexander Kann gest .im 88. Lebensjahr
Johann Kann gest. im 84. Lebensjahr
Wilhelm Liebmann 18.10.1812 bis 16.? 1878
Jacobine Kohlmann, geb. Kahn starb im 83. Lebensjahr
Regina Liebmann 

Quellen und Literatur

Verwendete Literatur

Diamant, Adolf: Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Eine Bestands-aufnahme, Frankfurt/M. 1982

Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945, herausgegeben von der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 1987

Der Gute Ort – Jüdische Friedhöfe in Bayern. Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Band 36, Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2009 

Pies, Peter: Erinnerung an die Juden im Heimbachtal, in: Heimat am Mittelrhein, 1972, Nr.2.

Dorf-Familienbuch von Oberheimbach, V2.090305

Internet

www.regionalgeschichte.net 
Internetportal für regionale und lokale Geschichte des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.

www.alemannia-judaica.de 
Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum

Dank

Über die jüdische Zeit in Oberheimbach und der ganzen Umgebung existieren fast keine schriftlichen Zeugnisse. Entstehung und Hintergründe des Friedhofes waren nicht zu klären. Umso wichtiger waren Erzählungen von Zeitzeugen, d.h. Personen, die Erinnerungen an das Zusammenleben mit den Juden im Heimbachtal in der Zeit in oder vor dem Nationalsozialismus hatten.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die mir bei meinen Recherchen geholfen haben. Viele nützliche Informationen habe ich vom Oberheimbacher Ortsbürgermeister, Herrn Gerhard Leinberger erhalten. Und Fanny und Dieter Bürgerhoff, Köln/Niederheimbach, verdanke ich nicht nur die ursprüngliche Anregung für die Beschäftigung mit diesem Friedhof, sondern durch die  Vermittlung von aufschlussreichen Gesprächen und Kontakten vor Ort viele wertvolle Anstösse.

Autor: Dietrich Bösenberg

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