Höchst im Odenwald

Juden in Höchst im Odenwald

Die Gemeinde Höchst liegt im nördlichen Odenwald und gehört zum Regierungsbezirk Darmstadt. Heute gehören diverse ehemals selbständige Orte dazu, namentlich Hetschbach, Mümling – Grumbach, Hassenroth sowie einige kleinere Dörfer. Die erste urkundliche Erwähnung von Höchst stammt von 1156. Im Mittelalter herrschten unterschiedliche Häuser, bis zur Auflösung des alten Reichs gehörte Höchst zum Fürstentum Löwenstein-Wertheim.. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges war der Ort fast ausgestorben und erholte sich nur sehr langsam.

Eine erste Erwähnung von Juden in Höchst geht auf das Jahr 1680 zurück Damals waren ca. 10 Juden in Höchst ansässig. Der Höchststand war 1871 mit 189 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 1850 Personen. Die Ursachen für die Zuwanderung von Juden dürfte im wesentlichen darin zu suchen sein, dass sich die Territorialfürsten und das dortige Kloster nach dem 30-jährigen Krieg besonders um Einwohner bemühten, deren kaufmännische Fähigkeiten für sie von Nutzen waren. Auch in einigen Teilorten lebten im 19. Jahrhundert einige jüdische Familien.

Ab 1890 ist der Anteil der jüdischen Bürger rückläufig, was auf eine zunehmende Landflucht in die Städte sowie Auswanderung nach Amerika deutet. Dies aufgrund der großen Armut und dem bis ca. 1870 verkehrsmäßig kaum erschlossenen Odenwald.

Ab 1933/34 setzt aufgrund der Naziverfolgung eine neue Auswanderungswelle vor allem nach Palästina ein. Im März 1942 lebten nur noch 20 Menschen jüdischen Glaubensbekenntnisses in Höchst und den Nachbargemeinden Mümling-Grumbach und Hetschbach, die bis 1943 in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden.

Die jüdische Gemeinde Höchst baute 1903/4 eine neue Synagoge, ein Vorgängerbau, der vielleicht schon seit 1700 bestand, wurde abgerissen. Das von den Nazis 1938 geplünderte Gotteshaus musste später abgerissen werden. Auch Hetschbach besaß seit 1833 eine eigene Synagoge, die nicht mehr existiert.

Eine besondere Persönlichkeit

Ein besonders erwähnenswerter ehemaliger Bürger der Stadt Höchst ist Hermann Kahn, geb. am 18. 09. 1878 in Dörnigheim bei Hanau. Im Jahre 1900 bewarb er sich auf die freigewordene Stelle des Religionslehrers, Kantors und Schächters in Höchst, wo er vom jüdischen Gemeindevorstand einen Arbeitsvertrag erhielt.  Überdurchschnittliche Leistungen und großer Fleiß zeichneten ihn aus. Neben dem Amt des Vorbeters und Kantors in der Synagoge hatte er auch das Schächteramt bei den jüdischen Metzgern inne. Seine schulische Tätigkeit als Religionslehrer übte er nicht nur in Höchst, sondern auch in mehreren umliegenden Gemeinden aus. In Groß-Umstadt unterrichtete er neben der Volksschule auch an der Höheren Mädchenschule und an der Höheren Realschule für Jungen.  Nicht nur bei den Juden war Lehrer Kahn geachtet und beliebt, er stellte sich auch als Dirigent beim Gesangverein „Liederkranz“ zur Verfügung, für den er zahlreiche Preise und Ehrungen holen konnte.  Diese Tätigkeit übte er bis zum Jahre 1933 aus. Noch im Jahre 1931 übernahm Hermann Kahn als 1. Vorsitzender den Höchster Bühnenverein, zahl reiche Unternehmungen in den Höchster Vereinen plante und gestaltete er persönlich.

Mit der Machtübernahme der Nazis kamen für Hermann Kahn und seine Familie harte und bittere Zeiten in Höchst. Nach der sog. Reichskristallnacht, als der Ort seines Wirkens, die Synagoge, zerstört  sowie sein Wohnhaus verwüstet und ausgeraubt wurde, verließ er fluchtartig mit Frau und Kindern die Stadt Höchst, um bis 1939 bei Freunden in Frankfurt unterzutauchen.  Noch im gleichen Jahr erreichte er mit seiner Familie New York, wo er bis 1963 lebte. 1962 schrieb ihm ein Höchster Bürger, um Adressen von seinen in den USA lebenden Schulkameraden zu erfahren. Erstmals wieder seit 1939 entschloss sich H. Kahn aus „Höflichkeitsgründen“ dem Ersuchen stattzugeben, wenngleich er in diesem kurzen Antwortschreiben seiner tiefen Enttäuschung über viele seiner früheren nichtjüdischen Mitbürger Ausdruck verlieh.


Der Friedhof in Höchst

Bei dem jüdischen Friedhof in Höchst/Hessen handelt es sich um einen relativ kleinen Friedhof, der erst  seit 1898/99 besteht. Hier wurden Menschen jüdischen Glaubensbekenntnisses aus Höchst, aber auch aus nahen Gemeinden wie Neustadt, Mümling-Grumbach und Hetschbach beigesetzt. Der Friedhof liegt außerhalb von Höchst umgeben von Wiesen am Rande eines waldbestandenen Hügels. Er hat eine Fläche von 1070 m2 und ist mit einem ca. 2,50 m hohen Drahtzaun umgeben, um mutwilligen Zerstörungen vorzubeugen. Der Zaun ist mit Efeu teilbegrünt und soll auch weiter berankt werden. In der Geschichte dieses Friedhofs kam es zweimal zu Zerstörungen. Nach der sog. Reichskristallnacht im Jahre 1938 wurden zahlreiche Steine umgestürzt und die Grabflächen verwüstet. Ein Teil dieser Steine wurde damals auch entwendet. Nach dem zweiten Weltkrieg im Jahre 1946 mussten ehemalige Nationalsozialisten aus Höchst die Grabsteine und Gräber wieder instand setzen. Zum zweiten Mal wurde der Friedhof im März 1978 durch drei Kinder zerstört.
Ein Besuch des Friedhofs ist nur mit Genehmigung des  Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Hessen möglich, das Eingangstor ist abgeschlossen.

Eindrücke von Friedhof und Grabsteinen

Bevor Höchst einen eigenen Friedhof genehmigt bekam, wurden die Toten der jüdischen Gemeinde auf dem Friedhof in Michelstadt/Odenwald beigesetzt, wo heute noch beerdigt wird. Der Friedhof in Höchst ist ziemlich in Vergessenheit geraten, er wird nur noch selten besucht. Durch einen schweren Sturm im Sommer 2008 wurde das Gelände durch umstürzende Bäume stark verwüstet und zahlreiche Grabsteine schwer beschädigt.
Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen hat den Friedhof wieder herrichten lassen, viele Grabsteine wurden wieder aufgerichtet und zusammengesetzt. Diese Spuren sind vielfach zu sehen. Durch die feuchte Umgebung (Wiesen, Wald) sind viele Grabsteine stark bemoost.

Vor allem die älteren Grabsteine bestehen aus Sandstein, haben meistens einen halbkreisförmigen Aufsatz und  sind auf der Vorderseite teils stark verwittert. Auf der Rückseite sind meistens noch die Namen in lateinischer Schrift gut lesbar,  eine besonders schöne Kalligraphie hat der Stein von Malchen Flörsheimer.

Bei den älteren Grabsteinen sind die Grabinschriften nur auf Hebräisch, bei den jüngeren auf der Vorderseite Hebräisch und auf der Rückseite Lateinisch gearbeitet.

Bei der Dekoration der Grabsteine herrschen florale Motive vor, es finden sich auch Halbsäulen. Besonders interessant ist ein Grabstein aus Sandstein, auf dem neben dem floralen Motiv im oberen Aufsatz über der Inschrift ein Vorhang angedeutet ist. Hier liegt Koppel Mai beerdigt.
Mehrere Gräber bergen Angehörige der Familie Kahn (Kohanim), die der Priesterkaste angehörten. Weitere Namen sind Mai, Guttmann, Oppenheimer, Flörsheimer. Unter dem Namen Flörsheimer gab es mehrere Textilgeschäfte bzw. ein Kaufhaus in Höchst sowie einen Synagogenvorstand. Mehrere Namen sind nicht mehr zu entziffern.


Quellen und Literatur

Arnsberg, Paul: Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Anfang, Untergang, Neubeginn, Frankfurt 1971.

Guth, Reiner: Geschichte und Schicksale der Juden zu Höchst, Hrg. Heimat- u. Geschichtsverein/Gemeindevorstand Höchst, Höchst i.O. 1985

http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chst_im_Odenwald

http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/h-j/920-hoechst-odenwald-hessen

Autorin: Dagmar Fricke-Meier, Modautal

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