Rexingen

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Rexingen

Eine dauerhafte Ansiedlung von Juden ist erst nach dem 30jährigen Krieg beurkundet. Die ersten Siedler waren Flüchtlinge vor den Kosackenpogromen in Polen, der Slowakei und der Ukraine.

Darauf deuten u.a. die Namen der Familien Lemberger u. Pressburger hin. Die rasch zunehmende Gemeinde baute 1710 die erste Synagoge, die 1835 neu errichtet wurde. Ein Friedhof wurde 1760 angelegt. Die jüdische Gemeinde machte – relativ konstant- im Zeitraum zwischen 1830 – 1887 mehr als ein Drittel der Dorfeinwohnerschaft aus (im Gegensatz zu den benachbarten, zum Horber Rabbinat gehörenden Gemeinden). Seit 1824 bestand hier auch eine jüdische Schule, die nach ihrer Privatisierung durch den Nationalsozialismus dann dem israelitischen Oberrat für BW unterstand und sich bis vor Beginn des 2. Weltkrieges behaupten konnte.

Im 1.Weltkrieg verlor die jüdische Gemeinde., die damals 350 Seelen zählte, 14 gefallene. Soldaten, denen ein Gedenkstein auf dem Friedhof gewidmet ist. 1924 bestanden mehrere jüdische Vereine in Rexingen, u.a. auch der 1914 gegründete israelitische Frauenverein, der sich 1939 auflöste .
1938 wanderte eine Gruppe von Rexinger Juden gemeinsam nach Palästina aus und gründete nördlich von Akko an der Küste die Siedlung Shavei Zion auf 60 h Ödland. Sie lag im einstigen Gebiet des Johanniterordens und ist heute eine landwirtschaftliche Mustersiedlung, dem Tourismus zugänglich.

Die Rexinger Synagogengemeinde wurde amtlich 1939 aufgelöst. 1941/42 wurden 120 Rexinger Juden nach Osten deportiert und ermordet. Die Synagoge, im November 1938 von SA-Leuten im Inneren demoliert, ist seit 1952 evangelisches Gotteshaus und Gedenkstätte.


Der Jüdische Friedhof von Rexingen

Rexingen, in einem Seitental des Neckar zwischen steilen Hängen gelegen, ist Stadtteil von Horb. Der mehr als 300 Jahre alte jüdische Friedhof liegt oberhalb des Ortes in einem Waldstück.

Der Friedhof liegt oben links im Wald.

Er wurde der jüdischen Gemeinde von der Johanniterkommende überlassen. die auch die ersten Siedler als Schutzjuden aufgenommen hatte. Das Friedhofsgelände wurde mehrfach erweitert und ist umzäunt und mit einem Eingangstor versehen. Der Friedhof enthält mindestens 1176 Gräber mit 931 erhaltenen Grabsteinen oder Steinfragmenten, darunter  auch 150 Kindergräber. Die nach Osten (Jerusalem) gerichteten Steine wurden 1879 jeweils auf ihrer Rückseite nummeriert Nach 1945 wurde der Friedhof restauriert, umgefallene Steine aufgerichtet, Namen, Inschriften und Fundamente bearbeitet und das Gelände neu mit einem Drahtzaun  umzäunt.

Das Eingangstor des Friedhofs im Wald.

Bilder zum Rexinger Friedhof

Der Aufnahme der Grabsteine kommt besondere Bedeutung zu, denn sie enthalten Angaben zu Berufen, Ämtern und Namen von Eltern und Kindern und geben wichtige Hinweise auf individuelle Lebensumstände, auf Schicksale, auf Familienzusammenhänge und die Jahrhunderte währende Konstanz einer tief religiös verwurzelten jüdischen Kultur. Dabei erschwerten Spuren der Verwitterung, und Bewuchs mit Moosen und Flechten das Entziffern, besonders an den älteren aus rotem Sandstein gefertigten Grabsteinen.

Von der Mitte des 19. Jh. an finden sich die verschiedensten Schmuckelemente, meist Trauersymbole und neben hebräischen Texten auch deutschsprachige Eulogien, teilweise in Reimform oder als Akrostichon. Die ältesten Steine sind in kalligraphischem Hebräisch als einzigem Schmuck eingemeißelt, zitiert nach oder angelehnt an Psalmverse und Bibelworte.

Hermann Lemberger 1878 – 1961 Grab 965 
Gedicht von seinem Schwiegersohn.
Prof. Dr.. h.c. Joseph Eberle (Sebastian Blau)

„Der Letzte“
Schwäbisches Dorf – seit Menschengedenken 
bot es den Seinen Nahrung und Hege,
bis gehässige Roheit sie austrieb – 
bot dem Achtiger nunmehr die Ruhstätt.
Nach den babylonischen Jahren
kam er zurück von Heimweh getrieben
Suchend den Nachklang vergangener Zeiten
Arm wie er war und ohne Berühmtheit.
Suchte vergebens Verwandte und Freunde,
Sabbatglanz und fröhlichen Schullärm,
suchte vergebens Ruhe und Frieden,
die er entbehrt in der Fremde.
Nur jenes Fleckchen fand er bereitet
zwischen verwucherten Gräbern der Ahnen,
denen der Herr zu sterben vergönnte
vor der Verfolger tyrannischem Wüten.

Jedem der Dörfler aus Davids Geschlecht
hätte dies Waldstück Raum noch geboten 
lange, ach lange kam keiner zur Ruhe
hier an dem Ort, dem der Ruhe Geweihten.
Weniger drücken wird die Verbannten
Gräbererde in fremden Gefilden – 
keines Grabes bedurften die Scharen,
die als Asche und Rauch verwehten….

Heimaterde deckt nun den Einen
unter den dunklen Tannen des Schwarzwaldes , 
die schon die Wiege des Kindes umrauscht,
wie sie umschatten den Hügel des Vaters. 
Hier ruht der letzte Jude des Dorfes 
bald wird Gesträuch seinen Hügel bedecken
Nie wird Vergessen darüber sich breiten,
mehr als ein Greis liegt hier doch begraben.

Die Grabsteine – ein Überblick

Wer anderen eine Grube gräbt

In Rexingen, einem Dorf auf der schwäbischen Alb, findet sich auf dem Grabstein des Josef Sohn des Meir 1837 ein rares hebräisches Lob:

Achtzig Jahre lebte Juspel, und viele hat er begraben, ob reich, ob arm. Nun läßt sich das alte Sprichwort sagen: Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Wir erfahren also, dass der Verstorbene lange Jahre seiner Gemeinde als Totengräber diente.

von Nathanja Hüttenmeister, Steinheim-Institut, Essen

Was hat dies Sprichwort mit Epigraphik zu tun und insbesondere mit einem Projekt, das sich die Dokumentation und Erforschung jüdischer Grabepigraphik in Mitteleuropa zur Aufgabe gestellt hat?
In Rexingen, einem Dorf auf der schwäbischen Alb, findet sich auf dem Grabstein des Josef Sohn des Meir 1837 ein rares hebräisches Lob:

Achtzig Jahre lebte Juspel, und viele hat er begraben, ob reich, ob arm.Nun läßt sich das alte Sprichwort sagen: Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Wir erfahren also, daß der Verstorbene lange Jahre seiner Gemeinde als Totengräber diente. Die Hervorhebung von Ämtern und Funktionen innerhalb der jüdischen Gemeinde ist – im Gegensatz zur nur seltenen Nennung eines bürgerlichen Berufs – integraler Bestandteil einer hebräischen Grabschrift. Die Toten zu bestatten war eine ehrenvolle Aufgabe, die meist von Mitgliedern der Chewra Kaddischa, der Beerdigungsbruderschaft, ausgeführt wurde.


Die Verwendung des Sprichwortes in diesem Zusammenhang mag uns zwar humorvoll, aber auch etwas makaber anmuten. Die Einflechtung von wörtlichen oder dem Zusammenhang entsprechend abgewandelten Zitaten aus der Traditionsliteratur, insbesondere aus Bibel und Talmud, ist aber eines der wichtigsten Stilmittel einer hebräischen Grabschrift: Man war bestrebt, in die Eulogie, in das Lob der Verstorbenen, Zitate einzuflechten mit Bezug auf Leben und Tun der Person. Häufig geschah dies in Verbindung mit dem Namen; hier wählte man das Amt des Verstorbenen (der bei seinem Alltagsnamen Juspel genannt wird, eine deutsch-jüdische Koseform des biblischen Namens Josef). Das Zitat ist demnach als eine Ehrung zu sehen, als Würdigung seines Anteils am Gemeinwohl und der treuen Pflichterfüllung nicht nur im gesellschaftlichen Sinne: Die Toten zu begraben ist ein wichtiges Gebot, und die Betonung von Josefs Amt ist hier auch als Hervorhebung seines langen, gottgefälligen Lebens zu sehen: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, das heißt in übertragenem Sinne: Wer andern einen Liebesdienst erweist, dem gereicht dies zum Segen. Und noch ein weiteres wird an dieser Inschrift deutlich: ein ungezwungener Umgang mit Sterben und Tod.


Schon dies eine Beispiel mag die Vielschichtigkeit dieser Quellen jüdischen Lebens in Deutschland illustrieren. Grabschriften gestatten, weit über genealogische Angaben hinaus, Einblicke in das „Innenleben“ einer Gemeinde, ihre wohltätigen Einrichtungen,ihre religiösen und weltlichen Ämter. Sie sind ein Spiegelbild der sie hervorbringenden Gesellschaft, zeigen Beständigkeit und Wandel im Umgang mit Religion, Kultur und Sprache, verdeutlichen die Spannungen zwischen Traditionalität und wachsender Angleichung an die Umwelt sowie die kulturelle Auseinandersetzung mit ihr.

Die ersten aus den Arbeiten des Projektes hervorgegangenen Einzelveröffentlichungen erschienen 1988. Im gleichen Jahr wurde die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Friedhöfegegründet, deren Mitarbeiter in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Dokumentationen mit hohem Anspruch erarbeitet und veröffentlicht haben. Seit 1996 ist die Mehrzahl der Projekte der Arbeitsgemeinschaft im Steinheim-Institut beheimatet. Das Institut verwaltet eine zunehmende Zahl von erstrangigen Drittmittelprojekten wie „Frankfurt a.M.“ und „Hamburg-Altona“. Wir sehen es als unsere Aufgabe, diese vernachlässigten Quellen zusammenzuführen, zu edieren und zu interpretieren und somit zur Bereicherung der langen Kulturgeschichte der Juden, nicht nur in Deutschland, beizutragen. Inzwischen bieten wir mit unserer ständig wachsenden epigraphischen Datenbank epidat eine online zugängliche Dokumentation mit über 150 Friedhöfen und an die 30.000 Datensätzen: hebräische Inschriften, deutsche Übersetzungen, zahlreiche Fotos sowie Werkzeuge zur wissenschaftlichen Arbeit mit dem Material. Unsere Arbeit ist noch durch einen weiteren Aspekt motiviert: Fortschreitende Verwitterung der Steine, verstärkt durch Luftverschmutzung und nicht zuletzt auch antisemitische Zerstörungswut, drohen diese an vielen Orten einzig verbliebenen sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebens zu vernichten. Die Zeit drängt, und oft ist die bildlich-textliche Aufnahme der Male und ihrer Inschriften der einzige Weg, diese Orte und Quellen vor dem Verfall zu retten und dank einer „Zweitüberlieferung“ auch der Nachwelt zu erhellen und international leicht zugänglich zu machen.“


Quellen und Literatur

“Lebensspuren auf dem jüd.Friedhof in Rexingen”.Dokumentation hrsg. vom Stadtarchiv Horb 1997,2003

“Die jüdischen Gemeinden in Württemberg-Hohenzollern”, Paul Sauer, Kohlhammer Verlag 1966

“verlorene Welt” Hannele Zürndorfer (Enkelin v. Adolf Zürndorfer) Centaurus Verl.ges. 1988.

Jüdischer Frauenverein: Auszug aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Horb

„Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg“, Joachim Hahn, Theiss Verlag Stuttgart 1988

Aus Württembergs Jüdischer Vergangenheit und Gegenwart, Hermann Dicker, Bleicher Verlag 1984.

Ausstellung 2004 /Rexingen: Die jüdische Schule in Rexingen.

Ort der Zuflucht und Verheißung Shavei Zion 1938-2008. hsg. von Heinz Högerle, Carsten Kohlmann und Barbara Staudacher. Theiss Verlag Stuttgart 2008.

Autorin: Renate Nolte, Tübingen

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